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Dein Freund und Helfer

Deutschland gewinnt gegen Argentinien, ganz Deutschland freut sich und auch in Lübeck wird gefeiert.

Natürlich habe ich da nicht gefehlt. Gemeinsam mit meinem Bruder haben wir äußert (an-)gespannt das Spiel verfolgt und nach der ganzen Spannung haben wir quasi ungebremst unsere Riesenfreude aus dem Fenster geschrien und unsere Deutschland-Flaggen geschwenkt. Anschließend haben wir unsere Eltern per Taxi nach Lübeck verfrachtet und uns auf dem Weg in die Innenstand (war ja nicht weit) gemacht.

Die Stimmung war einmalig: Unzählige PKWs und LKWs bewegten sich wild hupend im Schneckentempo durch die Innenstadt, die Menschenmassen waren Schwarz-Rot-Golden geschmückt und geschminkt, überall wurden Fan-Gesänge angestimmt. Die Menschen lagen sich in den Armen, gemeinsam wurde getrunken und gefeiert.

So verging die Zeit, und auch bis Mitternacht waren Kohlmarkt und Holstenstraße noch voll.

Für mich war die Party allerdings wie aus heiterem Himmel vorbei: Als ich beim Überqueren der Holstenstraße kurz anhielt und kräftig in meine Tröte pustete, wurde ich von zwei „Sicherheitskräften“ nicht freundlich, aber umso bestimmter gebeten, von der Straße zu verschwinden. Die Straße war voll mit Menschen, insofern habe ich die Aufforderung wohl eher belustigt aufgenommen und blies - in der Absicht, gleich weiterzugehen - noch einmal kurz die Tröte.

Es hat eine gefühlte habe Sekunde gedauert, eh ich mich tatsächlich auf der anderen Straßenseite befand - von vier, fünf oder sechs Beamten unsanft gegen ein Schaufenster gedrückt. Im nächsten Moment lag ich dann auf dem Asphalt. Ich weiß nicht genau, von wie vielen Beamten ich traktiert worden bin, es werden sechs bis acht gewesen sein. Ein paar Schläge habe ich wohl einstecken müssen, dann wurden mir Handschellen und Fußfesseln angelegt, mein Gesicht fest auf den Asphalt gedrückt. Es hat eine Weile gedauert, bis ich in den Transporter geworfen(!) wurde, bis dahin wurde ich nicht gerade nett behandelt. Als ich kurze Gelegenheit hatte, aufzublicken, konnte ich einige entsetzte Passanten sehen, die sich vermutlich ähnlich wie ich gefragt haben, was da überhaupt passiert. (Ganz abgesehen einmal von der Frage nach dem Warum!)

Nachdem ich dann in den Transporter befördert worden bin, meinten auch immerhin zwei, drei Leute, mich Bauch nach unten und Gesicht auf den Boden „fixieren“ zu müssen. Ich wurde zum Behördenhochhaus gebracht, durch das Gebäude getragen und – immer noch an Händen und Füssen gefesselt – in die Ausnüchterungszelle (wortwörtlich) geworfen. Nun begann der eigentlich „angenehme“ Teil des Abends: Zugehört hat mir natürlich niemand, trotzdem ich mehrmals deutlich auf eine Insulin-Injektion bestanden habe. Stattdessen erntete ich Spott und Hohn, mußte mir anhören, daß ich als Diabeteker dann ja wohl auch keinen Alkohol trinken dürfe. Die betreffende Person habe ich als „Arschloch“ oder was auch immer bezeichnet, worauf ich, wohlgemerkt noch immer gefesselt, Schläge ins Gesicht und die Bezeichnung „Penner“ zurückbekommen habe.

Der Ärztin, die bis dahin einzige Person, die überhaupt „normal“ mit mir ungegangen ist, hat mir Blut abgenommen, den BZ bestimmt und mir sogar zugehört, als ich erneut um eine medizinische Behandlung gebeten habe. Genützt hat das freilich nichts. Auf Nachfrage wurde mir irgendwann gesagt, daß ich meine Injektion in „zehn Minuten“ erhalten werde, was allerdings nicht der Fall war. Davor hatte die Ärztin mir noch zugestimmt, daß es unverantwortlich sei, einen Diabetiker, der auf seine Basis-Insulin-Versorgung angewiesen ist, über Stunden oder gar die gesamte Nacht nicht zu behandeln.

Hätte mir irgendjemand zugehört, hätte ich auch erklären können, daß sich meine Injektionsgeräte und mein Insulin in dem Rucksack befinden, den mitzunehmen ich ja leider keine Gelegenheit hatte – und von dessen Verbleib ich im Übrigen auch keine Ahnung hatte.

Befreit von allen Gegenständen, die ich bei mir hatte, mußte ich bis drei Uhr warten, ehe ich entlassen wurde. Immerhin ließ der Beamte, der mich entlassen hat, kurz mit sich reden, und so konnte ich immerhin noch folgende Informationen erhalten:

  • Eine Stunde in der Zelle kostet (mich) wohl nur drei Euro - allerdings muß ich für die Ärztin extra bezahlen. Es sollte eigentlich „unter 100 Euro“ bleiben. Na, wenn das man kein Schnäppchen ist. Immerhin für eine erstklassige medizinische Nicht-Behandlung. Einen gewissen Humor haben unsere Staatsdiener wohl doch noch.
  • Offensichtlich ist es durchaus üblich, gefesselt am Boden liegend noch beleidigt und ins Gesicht geschlagen zu werden, wenn man sich „entsprechend den Leuten gegenüber verhält“. Gut, das zu wissen.
  • Die Nicht-Versorgung mit Insulin sei nicht weiter tragisch. Immerhin sei das der Grund, weshalb ich „schon“ um drei Uhr entlassen werde. Das habe die Ärztin entschieden. Anschließend könne ich mich ja selbst versorgen. Ohne Insulin dabei zu haben, wohlgemerkt!
  • Wer sich unegerecht behandelt fühlt, kann rechtliche Schritte einleiten. Und genau diese Schritte werde ich mir vorbehalten.

Nun stand ich also vor dem Behördenhochhaus, kurz nach drei, ohne Haustürschlüssel, ohne Insulin, aber dafür mit blut- und dreckverschmierten, kaputtgerissenen Fan-Artikeln, einem zerrissenen Gürtel und anderen mindestens in Mitleidenschaft gezogenen Dingen. Wenigsten hat mein (arschteures!) Handy diesen Abend überlebt, im Gegensatz zu dessen Tasche, die anscheinend recht robust war. So konnte ich immerhin meinen Bruder erreichen und mich für die Nacht bei ihm einquartieren. Gegen vier Uhr – immerhin erreicht man dann bei der Polizei noch jemanden – haben wir die Auskunft bekommen, daß erstens die Polizei einem niemals die medizinische Behandlung verweigern würde und ich zweitens jederzeit die Möglichkeit hätte (in Bezug auf die anstehende Nacht weiterhin ohne Insulin), einen Notarzt zu rufen, dann würde ich schon entsprechend versorgt. Abgesehen davon würde niemand ohne Grund in Polizeigewahrsam genommen.

Ich bin am Ende vor allem darüber entsetzt, daß ich festgenommen worden bin. Weil ich inmitten tausender feiernder Menschen getrötet habe? Ich habe keine Container angezündet, ich habe keine Steine oder Flaschen geworfen, ich habe (bis zur Festnahme) nicht gepöbelt, habe keine Leute provoziert oder gar mit irgendwem gerangelt.

Über die Motivation der Beamten kann ich nur spekulieren. Es könnte durchaus sein, daß unter all den friedlich feiernden Menschen einfach nichts zu tun gewesen ist. So ist es natürlich evtl. eine willkommene Abwechslung, sich einen von der harmloseren Sorte (man muß mich Hämpfling nur mal ansehen!) zu schnappen und auf brutale Art und Weise zu traktieren. Vielleicht mag auch der Frust, bei einem solchen Event eben nicht feiern zu können, sondern „arbeiten“ zu müssen, eine Rolle spielen. Es könnte (ich mag dies nicht zu beurteilen) sogar sein, daß es unter unseren Landesbeamten den einen oder anderen gibt, für den es eben einen gewissen Spaß bedeutet, sich sadistisch und menschenverachtend aufzuführen. Diese Frage wird sich mir wahrscheinlich nie beantworten, aber ist eigentlich auch nicht relevant.

Rechtliche Schritte werde ich prüfen, zumindest werde ich gegen die „Rechnung“, die ich erwarte, Widerspruch einlegen. Ein ärztliches Gutachten, in dem meine Verletzungen und Blessuren festgehalten sind, ist erstellt. Auch vom Feiern – so wir denn noch einmal Grund dazu haben sollten – wird mich dieser Vorfall nicht abhalten. Allerdings werde ich mir eine neue Flagge kaufen müssen, die ich mir dann wieder wie einen Umhang umbinden werde. Auch die Tröte werde ich wieder ausgiebig verwenden :-)

Fazit: Bis zur versuchten Überquerung der Holstenstraße war es ein fantastischer, lustiger, stimmungsvoller und unvergesslicher Abend. Die Ereignisse danach haben mir nicht nur das Wochenende versaut (Samstag und Sonntag konnte ich mich kaum und nur unter Schmerzen bewegen), sondern werden mich und auch die Polizei noch eine Weile beschäftigen.

Ein paar Schnappschüsse des Abend gibt unter der Bilder-Sektion zu sehen, hier gibt es noch ein kurzes Video, das mein Bruder mit meinem Handy aufgenommen hat (Holstenstraße, Ecke Untertrave):

[Eindruck von der WM-Party in Lübeck]
Klicken für das Video, ca. 18MB

Ganz nebenbei möchte ich auch an dieser Stelle alle möglichen Zeugen meiner „Verhaftung“ bitten, sich mit mir in Verbindung zu setzen. Der Vorfall muß sich zwischen 23:30 und 24:00 Uhr in der Holstenstraße, gegenüber Subway ereignet haben. Ein halbwegs aktuelles Foto von mir ist hier zu sehen; ich habe eine dunkelblaue Jeans, ein schwarzes T-Shirt und ein Deutschland-Cap getragen. Außerdem hatte ich eine große Deutschland-Flagge umgehängt und eine schwarze Tröte dabei. Aufgrund der Tatsache, daß recht ein paar Beamte auf mir gekniet / gehockt haben und mein Gesicht auf den Bürgersteig gedrückt haben, könnte eine Identifizierung schwer sein …


Hinweis für Linux-User: Xine scheint mit dem Video nichts viel anfangen zu können, aber der VLC spielt es ohne Probleme ab. Den mplayer habe ich nicht ausprobiert.

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4 Kommentare[Kommentar-Feed]

  1. 1.

    kollege mk:

    moin lieber kollege ag,

    es ist ja deutschlandweit bekannt, dass die Polizei nicht zimperlich während der WM mit Krawallmachern, potenziellen Tätern jeglicher Art verfährt. Hinzu kommt die natürliche Agressivität eines Schutzpolizisten, der in Kampfmontur bei angenehmen Temperaturen wohl klimatisiert für Recht und Ordnung zu sorgen hat.
    Also ich kann noch mal betonen, selber Schuld. Warum trötest du nachts um 23.30Uhr in der Innenstadt und achtest nicht auf die Warnung?????????????? Ich meine, der / die hätten dich in Ruhe gelassen, wennn du nicht provokativ getrötet hättest. Versetze dich bitte in die Lage der Schutzbeauftragten.
    Was ich nicht verstehen kann, ist die überzogene Härte. Auf Einen raufzuspringen und zu knebeln, nur weil er in angetrunkenem Zustand die Anweisung der Sicherheitskräfte ignorierte, ist nicht im Sinne der Wahrung von Verhältnismäßigkeit. Weiterhin dir dein Insulin vorzuenthalten oder überhaupt darauf zu reagieren ist Realität aber nicht rechtens. Für die Beleidigung mit „Arschloch“ kann dir u.U. eine Anzeige gemacht werden, wie auch für die Ruhestörung in der Stadt.
    Also mein Rat für dich, besorge dir einen Anwalt und mache wenigstens zwei Punkte geltend: Nichtwahrung der Verhältnismäßigkeit der Mittel, mit denen gegen dich vorgegangen wurde. Du hast kein Straftat sondern eine Ordnungswidrigkeit begangen.
    Unterlassene Hilfeleistung bei deiner Insulin-Injektion. Vielleicht hast du auch noch Glück, weil die Verhältnismäßigkeit nicht gewahrt wurde auf Verlust deines Rucksacks (oder hat ihn dein Bruder?) zu drängen, mit denen dein „Insulin-Konsum“ ja hätte nachgewiesen werden können.
    Alles in Allem, völlig überzogene Aktion der Ordnungskräfte. Deine Ruhestörung mit Tröte musst du dir eingestehen. In Frankfurt sind die Ordnungskräfte gegen Hupen und Blinklicht oder unangeschnalltes Fahren etc. vorgegangen. Deutschland ist nun mal kein wirklich einig Fußballland.

    Permalink für diesen KommentarGeschrieben am 04.07.06, 09:02

  2. 2.

    André Gewert:

    Lieber Herr K :-)

    Ob man überhaupt gegen die einzelne Ruhestörung inmitten hunderter lärmender Fans vorgehen kann/soll, möchte ich hier gar nicht diskutieren.

    Das Vorgehen der Polizei gegen mich war jedoch in der Tat völlig unverhältnismäßig; hinzu kommen dann die einzelnen Vorkommnisse in der Zelle.

    Mehr möchte ich dazu auch nicht mehr sagen.

    Permalink für diesen KommentarGeschrieben am 04.07.06, 09:46

  3. 3.

    Christian Gewert:

    Vielleicht nimmst du heute lieber eine Deutschland Fahne mit, statt der Tröte….Nicht dass ich heute nacht um 3 nen Anruf kriege. :)

    Permalink für diesen KommentarGeschrieben am 04.07.06, 16:12

  4. 4.

    André Gewert:

    Hat gestern doch ganz gut geklappt, auch mit Tröte :-) Ich denke, es war gut, daß wir noch ein wenig feiern oder trauern oder was auch immer gewesen sind!

    Permalink für diesen KommentarGeschrieben am 05.07.06, 23:04

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