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Von Piraten, Software-Entwicklern und Youtube

Moderner Kampagnen-Journalismus
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Aktuell gibt es wieder einmal eine rege Debatte um das Urheberrecht; und zwar sowohl in den „klassischen Medien“ als auch „im Internet“. Zu Wort gemeldet haben sich u. a. der Fotojournalisten-Verband FREELENS (unter anderem mit der komischen Forderungen, fotografische Werke zeitlich unbegrenzt unter Monopolschutz zu stellen), Musiker und Romanautor Sven Regener (der sich ins Gesicht gepinkelt fühlt, ansonsten aber auch keine hilfreichen Ansätze parat hat – dessen Romane ich aber trotzdem sehr schätze), 51 Drehbuchautoren der Tatort-Reihe, die befürchten, enteignet werden zu können; der Cicero schießt in seinen Titel-Story gegen die Piratenpartei („Partei ohne Plan“), der Stern macht mit dem „Millardengeschäft“ Youtube auf – liefert aber immerhin einen recht ausgewogenen Artikel. Das Handelsblatt fordert plakativ: „Mein K©pf gehört mir“ und beginnt das zugehörige Pamphlet direkt mit einer Lüge.

Nachdem mein erster Ärger über diese vor Unwahrheiten und Unterstellungen nur so strotzenden Publikationen ein wenig verflogen ist, möchte ich mich persönlich auch noch einmal drei Punkte herausgreifen, die mir – als Privatperson, als Software-Entwickler und als Mitglied der Piratenpartei – am Herzen liegen. Es gab unzählige Reaktionen „im Internet“, darunter einige sehr intelligente und lesenswerte. Am Ende dieses Textes gibt es daher noch ein paar Links zum Thema.

Zunächst einmal die Piraten: Die Piratenpartei möchte nicht das Urheberrecht abschaffen. [Liebe Cicero-Redaktion: Die Piratenpartei möchte auch nicht, dass kinderpornographisches Material im Internet verbreitet und konsumiert wird.] Ideen kann man nicht „klauen“, man kann sie nicht rauben, man kann sie vor allem auch nicht besitzen. Ist eine Idee erst einmal geäußert, ist sie in der Welt und kann potentiell von jedermann aufgegriffen werden. Der (Kampf-)Begriff des „geistigen Eigentums“ ist ein höchst streitbarer und irreführender Ausdruck. Wenn sich die Piratenpartei deshalb gegen die Verwendung dieses Begriffs ausspricht, heißt das eben nicht, dass sie das Urheberrecht als solches abschaffen oder gar irgend jemanden „enteignen“ will.

Dass dieses dennoch immer und immer wieder behauptet wird, zeigt schon in aller Deutlichkeit, wir „ehrlich“ die Debatte von einigen Seiten geführt wird. Der Umstand, dass diese Äußerungen noch garniert werden mit Beleidigungen (Verbrecher, Diebe, Schmarotzer, „asoziales Piraten-Kollektiv“ usw.) tut ihr übriges.

Die Piratenpartei – die zahlreiche Künstler, Programmierer und sonstige Kulturschaffende in ihren Reihen hat – setzt sich kurz gesagt für ein liberales, für alle Seiten faires Urheberrecht ein. Ja, das schließt auch ein, die aberwitzig langen Schutzfristen und Werke auf ein sinnvolles Maß zu beschränken. Es liegt ja auch auf der Hand, dass ein toter Urheber nicht mehr von weiter laufenden Schutzansprüchen profitieren kann. Profitieren können davon nur andere. Bei Christian Hufgard gibt es ein paar Ausführungen zu den Piraten-Forderungen.

Warum sich zweitens der Streit so gerne an der Video-Plattform Youtube entzündet, ist mir etwas schleierhaft. Youtube ist kein Musikportal, sondern eine Plattform für nutzergenerierte Videos. Das schließt die Nutzung von geschützter Musik freilich nicht grundsätzlich aus. Youtube beteiligt Inhaltelieferanten ab einer gewissen Anzahl an Abrufen an den Werbeeinnahmen. Im Stern-Artikel wird etwa beschrieben, wie einige Zwanzigjährige in Deutschland allein von diesen Geldern gut leben können. Youtube beteiligt auch die „klassischen“ Verwertungsgesellschaften – wahrscheinlich zu deutlich lukrativeren Konditionen – an den Werbeeinnahmen; Youtube hat weltweit mit etlichen Verwertungsgesellschaften entsprechende Verträge abgeschlossen. Auch mit der GEMA gab es eine Vereinbarung. Die GEMA hätte nun gerne mehr Geld; Google ist der Meinung, die Forderungen seien zu hoch. Also gibt es in Deutschland keine GEMA-Musik mehr auf Youtube. So einfach ist das manchmal. Niemand verlangt, dass Youtube diese Inhalte kostenlos / ohne Gegenleistung verwenden darf. Aber es ist auch Googles gutes Recht, nicht jeder beliebigen Forderung nachkommen zu müssen. Ich glaube, das nennt man dann Marktwirtschaft.

Nebengedanke: Man stelle sich einmal vor, Facebook oder Xing würde seine (Inhalte generierenden) Nutzer an Werbeeinnahmen beteiligen. Man stelle sich einmal vor, Springer würde seine (Inhalte generierenden) Autoren direkt am Umsatz beteiligen.

Der dritte Punkte betrifft den auffallend häufig geäußerten Vorwurf, Musiker, Autoren und Filmemacher seien so viel schlechter gestellt als Software-Entwickler. Dazu hatte mich bereits hier und hier kurz geäußert. Dieser Vorwurf ist, um es auf den Punkt zu bringen, an Unverschämtheit und Scheinheiligkeit nicht zu überbieten. Wo sind denn unsere Verwertungsgesellschaften? Wo sind die Pauschalabgaben auf USB-Sticks, Festplatten, Drucker und Scanner, von denen wir etwas abbekommen? Wo haben wir eine Entsprechung für die GEMA-Vermutung? Unsere Kinder und Enkelkinder werden nicht über unseren Tod hinaus für unser Schaffen entlohnt.

Diejenigen, die am meisten von den Urheberrechts-Regelungen profitieren, beklagen sich über diejenigen, bei denen von all diesen Privilegien nichts ankommt. Und Mousse T. besitzt die Frechheit, sich in der Harald Schmidt Show allen Ernstes darüber zu beklagen, dass die Politik „ihnen“, den Künstlern, zu wenig unter die Arme greife! Entschuldigung, aber da kann man sich als Entwickler auch gehörig „ins Gesicht gepinkelt“ fühlen.

Man muss vermuten, dass auch dieser Vorwurf nur dazu dient, den erklärten Feind Google zu diskreditieren. Bei Google sitzen schließlich auch tausende oder zehntausende Urheber. Sehr kreative, intelligente Menschen. Das lässt sich schwer leugnen und zeigt ganz nebenbei, dass das Märchen, Google arbeite an der Abschaffung des Urheberrechts, schon aus Googles eigenen Interessen reiner Blödsinn sein muss; weil es sich aber hauptsächlich (nicht nur!) um Programmierer handelt, behauptet man kurzerhand, diesen gehe es sowieso – quasi von Gesetzes wegen – deutlich besser als anderen Schaffenden. Das Handelsblatt geht sogar noch weiter und tut so, als würden sich die Entwickler allein auf dem Rücken der vermeintlich armen Künstler bereichern: „Jeder Software-Programmierer würde einen Aufstand machen, wenn jemand seine Idee klaut. Dass er aber Inhalte anderer nutzen kann, um seine technische Idee an den Markt zu bringen, nimmt er als selbstverständlich hin. Warum eigentlich?“ Wie war das noch mit dem „ins Gesicht pinkeln“?

Es ist anzunehmen, dass es den Entwicklern bei Google in der Tat relativ gut geht. Das aber liegt nicht daran, dass sie besonders stark von irgendwelchen gesetzlichen Urheberrechts-Regelungen profitieren würden, sondern am guten Arbeitgeber Google. Das sieht bei anderen, vor allem kleinen Arbeitgebern natürlich ganz anders aus; besonders die jungen Entwickler arbeiten unter schlechten Bedingungen und für wenig Geld – dieser Job ist in den wenigsten Fällen der „Traumjob“ und erst recht keine Bereicherung-durch-Ausbeutung-Maschine, zu dem er hier gemacht werden soll.

Und überhaupt: Wenn es uns Software-Entwicklern ach so gut geht, warum in aller Welt tut ihr anderen Schaffenden es uns dann nicht nach? Handelt entsprechende Arbeitsverträge aus. Arbeitet zu einem festen Gehalt. Es liegt doch auch in eurer Hand.

Weiterführende Artikel und Informationen:

Update: Auch der nach eigenen Angaben „Musiker, Musiklabelmacher und Herausgeber eines Magazins“ Bruno Kramm meldet sich mit einer ausführlichen und lesenswerten Antwort auf die Handelsblatt-Story zu Wort. Inklusive Statements zu den Einzelaussagen der „100 Köpfe“.

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2 Kommentare[Kommentar-Feed]

  1. 1.

    Gökan:

    Das Problem ist im Großen und Ganzen, dass den Arbeitnehmern jeder Coleur ein Sinn für Solidarität völlig abhanden gekommen ist. Nur bei haufenweise Einzelkämpfern können Arbeitnehmer eine Konkurrenzsituation entfesseln bei der am Ende alle wenig bekommen aber meinen was erreicht zu haben. Je mehr einer auf sich selbst hält, um so eher tappt er dabei in die Falle.

    Permalink für diesen KommentarGeschrieben am 18.04.12, 16:07

  2. 2.

    André Gewert (aus: Lübeck):

    Das wird mir ja schon fast zu philosophisch ;-) Und ich glaube weder, dass es keine Solidarität mehr gibt unter Mitarbeitern, noch dass es so ganz ohne Konkurrenzdenken gut funktioniert.

    Permalink für diesen KommentarGeschrieben am 18.04.12, 20:36

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