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Netzneutralitot
Vor ein paar Jahren ging eine Grafik durch das Netz, die das vermeintliche zukünftige Geschäftsmodell der Telekom-Konzernen zeigte: Neben einer „Basis-Flatrate“ sollte die Nutzung verschiedener wichtiger Internet-Dienste eine zusätzliche Monatsgebühr kosten. Mit dabei natürlich beliebte Dienste wie Youtube, Facebook, Twitter, Tumblr und so weiter.
Nun wagt die Telekom den ersten Schritt in diese Richtung: Ab Mai sollen bei Neukunden DSL-Flatrates nach dem Vorbild der mobilen Datentarife nach einem verbrauchten festen Datenkontingent auf eine fast unbrauchbare Geschwindigkeit gedrosselt werden. Begründet wird das als „Notwenigkeit“, um die Netzqualität nicht unter wenigen Vielnutzern leiden zu lassen und andererseits überhaupt den weiteren Netzausbau finanzieren zu können. Nun könnte man das tatsächlich so stehen lassen, wenn das die ganze Wahrheit wäre.
Heuchler

By Никита Капранов (Фотография взята с сайта http://mime.сom.ua)
[CC-BY-SA-3.0 or GFDL], via Wikimedia Commons
Was bisher geschah: Die deutschen Presseverlage (nicht alle) nutzen seit Jahren ihre Meinungsmacht, um Stimmung gegen Google und dessen „Raubrittertum“ zu machen. Dabei bedient man sich gerne und zahlreich an Lügen, Unwahrheiten und Übertreibungen, Dramatisierungen und Dämonisierungen.[1] Ihr Ziel: Links auf Verlags-Webseiten sowie die Verwendung von Snippets daraus per Gesetz lizenzpflichtig zu machen, um ein wenig Anteil zu haben am Erfolg des „großen Parasiten“ Google.
In der vergangenen Woche hat das Unternehmen Google – das natürlich nicht mit einem Leistungsschutzrecht einverstanden ist und zu recht darauf verweist, dass einerseits die Verlinkung als auch die Verwendung von Snippets (nicht nur) deutschem Recht entspricht und andererseits jeder Webseitenbetreiber die Möglichkeit besitzt, seine Inhalte vollständig oder teilweise von einer Indexierung auszunehmen – seinerseits eine Kampagnenseite gestartet.
Die Empörung in der Presse war erwartungsgemäß genau so groß wie verlogen: Google würde seine Reichweite schamlos missbrauchen, um eigene politische Ziele durchzusetzen und sei dabei doch selbst die größte Gefahr für die Pressefreiheit!
Nun hat der Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) eine groß angelegte Kampagne der deutschen Zeitungen angekündigt: „Mit Anzeigen, Plakaten und Spots wolle die Branche die Stärken der Zeitung als universales Qualitätsmedium in einer digitalen Medienkultur stärker im Bewusstsein verankern.“ (Quelle: Heise online)
Da stellt sich natürlich die Frage, was die angekündigte Kampagne denn anderes sein soll als der klare Missbrauch der eigenen Meinungsmacht und Reichweite. Und eine weitere Frage: Womit will die kommende Kampagne so unerträgliche (und mit Unwahrheiten gespickte) Artikel wie diesen (Braunschweiger Zeitung) oder diesen (FAZ.net) noch toppen?
Für mich steht eines fest: Wenn ich in einer der von mir abonnierten Zeitungen einen Beitrag auf dem Niveau des verlinkten Interviews aus der Braunschweiger Zeitung lesen muss, geht in genau dem Moment auch schon die Kündigung heraus. Das mögen die betreffenden Zeitungen überleben. Aber: Journalismus auf diesem Niveau macht sich selbst überflüssig.
[1] Der Journalist Stefan Niggemeier hat in seinem Blog dazu einiges Interessantes geschrieben.
Die Tageszeitungen werden sterben – mit oder ohne Leistungsschutzrecht

Google fordert auf: Verteidige Dein Netz!
Die These: Die gedruckte Tageszeitung wird in überschaubarer Zeit, also vielleicht in zehn, vielleicht auch in 20 Jahren, sterben. Zugegeben: sie wird nicht vollends sterben. Die Tageszeitung mag irgendwann noch so alltäglich sein wie Kutschen auf unseren Straßen oder wie es das Tragen von Hüten heute noch ist.
An die Frauen: macht doch auch mal was mit Programmieren!
In der aktuellen Ausgabe des Freitag findet sich ein kurzes Interview mit Fatma Batur (hier online zu lesen), die nicht nur Mathematik und Informatik studiert hat, sondern in ihrer Masterarbeit auch gezielt die unterschiedlichen „Einstellungen von deutschen und türkischen Schülerinnen gegenüber dem Studiengang Informatik“ untersucht hat. In der Türkei, so heißt es in der Einleitung zum Interview, sei der Frauenanteil in IT-Berufen deutlich höher als in Deutschland.
Frau Batur sieht hierfür vor allem ein zentrales Problem:
Gelesen: Klick mich
Vor drei Wochen hat Julia Schramm, Mitglied des Bundesvorstandes der Piratenpartei und eine der prominenteren Parteivertretern ihr bereits seit längerem angekündigtes Buch veröffentlicht: „Klick mich – Bekenntnisse einer Internet-Exhibitionistin“. Das Buch ist aus zwei Gründen spannend für mich: Zum einen bin ich (passives) Mitglied der Partei, die Schramm vertritt und zum anderen bin ich nur wenig älter als die Autorin und gehöre damit der selben „Generation Internet“ an, von der das Buch erzählen soll. Anlass genug, mir die Kindle-Ausgabe zu schnappen und an dieser Stelle eine kurze Bewertung abzugeben. (Auf die politische Diskussion, die diese Buchveröffentlichung entfacht hat, möchte ich hier nicht weiter eingehen.)
Der Mann meint es ernst: Lizenzpflicht für Pocket und Flipboard

Im Bild: lizenzfreie Lesezeichen
Natürlich haben alle Google im Sinn, wenn über das sogenannte Leistungsschutzrecht für Presseverlage geredet wird. Springer-Außenlautsprecher Christoph Keese hat dagegen immer wieder betont, dass das Vorhaben sich selbstverständlich nicht direkt oder nicht nur gegen Google richte. Andeutungen in Richtung von Feed-Readern und ähnlicher Software gab es häufig; jetzt hat Keese ganz konkret skizziert, wie er sich das vorstellt:
Schutzrechte in Absurdistan

Bildquelle: pixbay.com
Zwanzig Jahre lang galt im Internet ein Link auf die eigene Seite als wertvoll. So wertvoll, dass Seitenbetreiber zu Hauf (gerne auch unseriöse) Suchmaschinenoptimierer bezahlt haben und kostenpflichtige „Link-Tausch“-Angebote in Anspruch genommen haben.
In dieser Woche nun hat die Regierungskoalition einen ersten Referentenentwurf zum von einigen Verlagen so vehement geforderten wie vom Rest der Industrie strikt abgelehnten Leistungsschutzrecht für Presseverlage vorgelegt. Sollte er Gesetz werden, hätte das weitreichende Folgen.
Keese macht einen Witz
In seinem unermüdlichen Kampf gegen den Internetriesen Google greift Springers PR-Mann Nr. 1, Christoph Keese, neuerdings zu einem überraschenden Stilmittel: dem Witz. Weil Google-Tochter Youtube in ihrer Suche scheinbar Anti-ACTA-Videos höher gewichtet als neutralere Videos zum Thema, fordert Keese mehr Fairness und Ausgewogenheit von Youtube (und von Google generell).
Kann man über diesen Punkt in der Tat trefflich streiten, zieht Keese selbst seine Forderung durch einen witzigen Vergleich ins Lächerliche:
Man wünscht sich, Suchmaschinen und Videoplattformen würden sich ähnlich rigiden ethischen Regeln von Fairness und Ausgewogenheit unterwerfen wie die Presse.
Wo ausgerechnet die Springer-Presse mit der BILD an der Spitze doch ein wahres Synonym für Fairness und Ausgewogenheit ist! Das zeigt ganz aktuell schon die Diskussion um den Henri-Nannen-Preis. Alternativ kann man auch im BILDblog verfolgen, wie es die BILD (und andere Medien) mit Fairness und Ausgewogenheit halten.
Hinzu kommt im übrigen, dass man nicht unterschätzen darf, um wie viel größer die politische und meinungsbildende Macht der BILD ist im Vergleich zu Youtube, das diesbezüglich in Deutschland wohl kaum eine Rolle spielen dürfte.
Unter diesen Bedingungen werden in allen Clubs in Deutschland die Lichter ausgehen
Ach, schau an. Auch außerhalb von Internet, Piratenpartei und Youtube regt sich interessanterweise Widerstand gegen (möglicherweise) überzogene Forderungen der GEMA. Die Lübecker Nachrichten berichten in ihrer Ausgabe von verganenem Sonntag von den Lübecker Discothekenbetreibern, die um ihre Existenz bangen, weil die GEMA ihre Tarife zum Jahr 2013 umstellt – und damit um bis zu 1200% höhere Abgaben fällig wären.
Ein paar Zitate aus den zwei auch online verfügbaren Artikeln [1] und [2]:
Die neue Gebührensatzung der Gema stellt und alle vor existenzielle Probleme [...] – ich müsste den Laden abschließen, andernfalls würde ich mich der Insolvenz-Verschleppung schuldig machen.
Niemand würde anstatt bislang durchschnittlich sechs Euro fortan 30 Euro zahlen, um in die Disco zu gehen.
In Lübeck könnte kein Club überleben, sollte die Gema ihre Pläne durchsetzen.
Der schwimmenden Disco steht 2013 eine Tariferhöhung von 1200 Prozent ins Haus. Unter diesen Bedingungen werden in allen Clubs in Deutschland die Lichter ausgehen.
Autor Bastian Modrow fordert in einem Kommentar:
Was bleibt, ist die Hoffnung auf Einsicht der Musik-Schaffenden – oder die der Richter, die am besten nicht nur den Tarif-Irrsinn, sondern gleich die in Europa einmalige Monopolstellung der Gema kippen.
Von Piraten, Software-Entwicklern und Youtube

Moderner Kampagnen-Journalismus
Aktuell gibt es wieder einmal eine rege Debatte um das Urheberrecht; und zwar sowohl in den „klassischen Medien“ als auch „im Internet“. Zu Wort gemeldet haben sich u. a. der Fotojournalisten-Verband FREELENS (unter anderem mit der komischen Forderungen, fotografische Werke zeitlich unbegrenzt unter Monopolschutz zu stellen), Musiker und Romanautor Sven Regener (der sich ins Gesicht gepinkelt fühlt, ansonsten aber auch keine hilfreichen Ansätze parat hat – dessen Romane ich aber trotzdem sehr schätze), 51 Drehbuchautoren der Tatort-Reihe, die befürchten, enteignet werden zu können; der Cicero schießt in seinen Titel-Story gegen die Piratenpartei („Partei ohne Plan“), der Stern macht mit dem „Millardengeschäft“ Youtube auf – liefert aber immerhin einen recht ausgewogenen Artikel. Das Handelsblatt fordert plakativ: „Mein K©pf gehört mir“ und beginnt das zugehörige Pamphlet direkt mit einer Lüge.
Nachdem mein erster Ärger über diese vor Unwahrheiten und Unterstellungen nur so strotzenden Publikationen ein wenig verflogen ist, möchte ich mich persönlich auch noch einmal drei Punkte herausgreifen, die mir – als Privatperson, als Software-Entwickler und als Mitglied der Piratenpartei – am Herzen liegen. Es gab unzählige Reaktionen „im Internet“, darunter einige sehr intelligente und lesenswerte. Am Ende dieses Textes gibt es daher noch ein paar Links zum Thema.